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"Die Hälfte meines Auslandsjahres ist leider schon um!"

Schlange, Hund, Maden, Heuschrecken?, das ist für mich schon nichts Besonderes mehr, aber Messer und Gabel ist schon wieder was Ausgefallenes. Ich befinde mich nämlich während dem Schuljahr 2010/2011 in China.

Ich bin 16 Jahre alt und Schülerin der 11. Klasse des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier.

Eines Tages, im Herbst 2009 kam ich aus der Schule und sagte meinen Eltern, dass ich mich entschlossen habe, für ein Jahr in China in die Schule zu gehen. Zuerst waren sie sprachlos. Dann aber ging die Fragerei los: ?Wenn Du schon ein Austauschjahr machen möchtest, willst Du dann nicht lieber nach Amerika, England oder Italien gehen?? Aber mein Entschluss stand fest: ?Das macht doch jeder, sagte ich. ?Ich habe doch schon Englisch in der Schule und die europäischen Sprachen sind doch nichts Besonderes. Nein, wenn schon, dann soll es auch etwas sein, was nicht jeder macht.? Da ich mich für China interessiere und mir auch die Sprache gefällt, muss es auch China sein. Außerdem hat China wohl das meiste für die Zukunft zu bieten.

Im Frühjahr 2010 fanden dann einige Vorbereitungskurse bei AFS statt und mir wurde immer bewusster, dass ich die richtige Wahl getroffen habe. Der große Tag rückte nun immer näher und alle deutschen Austauschschüler (27), die mit AFS nach China flogen, trafen sich in Frankfurt am Flughafen. Von hier aus flogen wir zunächst nach Beijing, wo wir 2 Tage in strömendem Regen verbrachten (arrival camp). Dann ging die Reise weiter. Nun trennten wir uns alle, da wir in den unterschiedlichsten Richtungen von China untergebracht waren.

Somit musste ich eine Zugfahrt von 25 Stunden durch halb China in Kauf nehmen und kam müde und geschafft bei meiner Gastfamilie in Guangzhou an. Hier wohne ich jetzt seit 5 Monaten und fühle mich schon fast heimisch. Guangzhou ist eine sehr schöne Stadt. Sie ist die drittgrößte Stadt Chinas, nach Shanghai und Beijing und liegt nahe Hongkong und Macao. Hier in Guangzhou fanden im Dezember 2010 die Asian Games statt, weshalb alles mit Menschen überfüllt war. Guangzhou ist etwa 100mal so groß wie Trier (ca. 19 Millionen Einwohner).

Das Haus meiner Gastfamilie, bei der ich wohne, ist etwas außerhalb der Stadt. Es ist jedoch nicht in einem typischen Hochhaus, sondern ein Einfamilienhaus. Meine Gastfamilie ist sehr nett und hat mich auch freudig aufgenommen. Ich habe sogar ein Zimmer für mich allein, was nicht unbedingt normal ist. Mein Gastvater ist, wie bei chinesischen Familien oft üblich, überwiegend auf Geschäftsreisen. Meine Gastmutter kommt auch erst abends heim. Meine Gastschwester, die ein Jahr älter ist als ich, schläft während der Woche in der Schule, was auch typisch chinesisch ist.

Mein Tagesablauf sieht folgendermaßen aus: Um 6:30 Uhr aufstehen und fertigmachen, dann zur Metrostation mit der ich für über eine Stunde zur Schule fahre. Die Metro ist normalerweise richtig überfüllt, genau so, wie man es sich in China vorstellt. Meistens kann man sich noch nicht mal umdrehen, geschweige denn, kommt man da heil raus.

Um 8:50 Uhr fängt dann für mich der Unterricht an, aber nur für uns Austauschschüler. Meine chinesischen Klassenkameraden müssen schon um 7:30 Uhr in der Schule sein, weshalb auch sie, wie meine Gastschwester, in der Schule schlafen. Ich besuche hier die Guangdong Experimental High School und gehe in die 11te Klasse. Hier wird jeden Tag Schuluniform getragen. Das gilt auch für mich, was mir jedoch nichts mehr ausmacht. Alle Jugendlichen tragen meistens ihre Uniform auch in der Freizeit und außerdem weiß ich morgens direkt, was ich anziehen muss. Außerdem wurde ich am Anfang von allen die ganze Zeit angestarrt, weil ich in meinen normalen Klamotten in der Schule rum gelaufen bin, da ich am Anfang noch keine Uniform hatte.

Meine Schule besteht aus 15 Gebäuden, einer dreistöckigen Kantine, 3 Wohngebäuden (auch für Lehrer), 1 Lehrergebäude, welches vergleichbar mit einem Lehrerzimmer ist, einem großen Gebäude mit Fachräumen für Chemie, Kunst?, und Klassenräume. Hier in die Schule gehen ca. 3000 Schüler. Jede der 3 Stufen hat 20 Klassen mit 56 Schülern. Jedoch ist diese Schule im Vergleich zu anderen Schulen in China eine recht kleine Schule! Meine Klasse hat mich direkt herzlich aufgenommen, und ich werde von den meisten schon als ganz normale Mitschülerin angesehen. Jedoch habe ich nicht von morgens bis abends mit meiner ?public class? zusammen Unterricht. Zusammen mit einem dänischen Jungen, der auch mit AFS hier in China ist, habe ich gesonderten Unterricht auf Englisch in Mathe, Geschichte, Erdkunde, Kongfu, Kalligraphie und natürlich Chinesisch. Schließlich will ich, wenn ich zurückkomme, chinesisch sprechen können. Nach Schulschluss, um 17:05 Uhr fahre ich dann wieder mit der Metro nach Hause und mache Hausaufgaben. Meistens darf  ich sogar früher nach Hause gehen, da wir nur ?Chinesisch? in der Public Class verstehen.

Meine Klassenkameraden haben länger Schule, von 17:05 Uhr bis 20:00 Uhr ist zwar Pause, aber dann geht es bis 22:00 Uhr weiter. Sie sitzen ohne Lehrer in den Klassen und machen ?selfstudy? und wirklich alle lernen in dieser Zeit, Keiner, wirklich keiner, macht Unsinn, so wie es eine deutsche Klasse machen würde, wenn keine Lehrer anwesend sind.

An den Wochenenden treffe ich mich meistens mit anderen Austauschschülern von AFS, die jedoch nicht aus Deutschland, sondern von überall herkommen (Italien, Dänemark, Thailand, Australien usw.).

Im Moment habe ich Chinese New Years Ferien. Daher sind alle AFSler sehr unternehmungslustig. Ein Großteil hat sich beim so genannten Culture trip mit AFS in Yunnan getroffen. Wir besuchten die Städte Kunming, Dali und Lijiang. Dort haben wir uns verschiedene Sehenswürdigkeiten angeschaut, u.a. Museen, Tempel?Es war richtig schön wieder die anderen Leute von Deutschland, aber auch USAler, Italiener?wieder zu sehen und Erfahrungen auszutauschen. Wir saßen fast jeden Tag bis Mitternacht zusammen und haben einfach nur über Gastfamilien, Kulturunterschiede?geredet. Wir haben natürlich auch viel von einer anderen Provinz gesehen, denn Yunnan ist die Provinz mit den meisten ethnischen Minderheiten, weshalb fast alle Häuser im typischen chinesischen Stil gebaut sind. Die Einwohner laufen hier auch alle in ihren eigenen Trachten auf den Straßen herum.

Für mich war es jedoch auch eine Herausforderung wieder deutsch zu sprechen, da ich jetzt genau ein halbes Jahr lang kaum deutsch geredet habe. Allerdings ging es den anderen Austauschschülern genauso, weshalb wir am Anfang alle auf Englisch, bzw. auf chinesisch geredet haben, bis wir dann ein Mischmasch redeten und zu guter letzt wieder unsere Muttersprache reden konnten.

Nun zum Essen!

Das Essen ist laut Chinesen, hier das Beste in ganz China. Da ich hier in der Nähe von Hongkong wohne, ist hier die Mutter der Kantonesischen Küche. Wie viele wahrscheinlich wissen, ist die Kantonesische Küche bekannt dafür, das alles was Beine hat gegessen werden kann. Mit meiner Familie gehe ich jedoch meistens in ein Restaurant essen, da meine Gastmutter (typisch chinesisch) nicht kochen kann und wir auch keinen Ofen haben.

Das beste Essen bekommt man hier jedoch auf der Straße. Man hat immer eine Riesen Auswahl und man sieht, wie das Essen zubereitet wird. Außerdem kostet es umgerechnet nur ca.50cent. Jedoch, um dorthin Essen zu gehen, muss man zumindest ein paar Broken Chinesisch können, da dort nur Eingeborene sind und keiner, wirklich keiner, Englisch sprechen kann.

Schlange, Froschschenkel, Maden, Heuschrecken, ja und sogar Hund sind für mich schon nichts mehr Besonderes. Allerdings wenn wir dann in ein europäisches Restaurant gehen, bekomme ich schon Probleme, da es mir mittlerweile sehr schwer fällt, mit Messer und Gabel zu essen.

China ist einfach unglaublich, es ist mit Worten nur schwer zu beschreiben. Man muss einfach hier gewesen sein, um die Menschen zu verstehen und auch die Atmosphäre auffangen zu können.

Mit Englisch ist man jedoch, trotz der vielen Geschäftsleute, die in der ganzen Stadt rumlaufen, aufgeschmissen. Man muss sogar chinesisch können, auch wenn nur etwas, um zu McDonalds zu gehen, das hier auch um Welten billiger ist als in Deutschland.

Ja, hier ist wirklich ALLES Chinesisch.

Meine Meinung über China hat sich nicht geändert, ganz im Gegenteil, es ist einfach einer der schönsten Orte, auch wenn die Sprache nicht leicht ist. Doch es ist sehr interessant in ganz alltäglichen Dingen direkt mit der Sprache konfrontiert zu sein.

Die Entscheidung nach China zu gehen, war die beste Entscheidung, die ich je hatte, bzw. haben werde. Ich vermisse zwar meine Familie, Freunde, ja sogar das FWG. Doch die Erfahrungen, die ich hier schon in diesem halben Jahr gesammelt habe und  im nächsten noch sammeln werde, sind es einfach wert. Ich würde es auf jeden Fall jedem weiterempfehlen, es ist einfach super.