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Rückblick: Meine Zeit in Malaysia

Es fällt schwer , die vergangenen sieben Monate in Worte zu fassen. Ein halbes Jahr habe ich nun in Malaysia gelebt, in diesem asiatischen Land, von dem ich anfangs nichts als den Namen wusste. Malaysia, wo liegt das überhaupt? Und  dass es muslimisch ist, wusste ich auch nicht, als sich mir dieses Land auf dem AFS-Auswahlcamp in den Kopf gesetzt hat.
Ich kam nach Hause und sagte: "Ich will nicht mehr in die USA, ich will nach Malaysia!"
Und es hat sich gelohnt. Es gab nicht nur schöne Erlebnisse "dort drüben" , natürlich nicht, doch wenn man alles auf eine Waage legen würde, so läge die positive Seite doch sehr eindeutig vor Schwere auf dem Boden! Und in diesen 7 Monaten habe ich eins gelernt : "It's not right, it's not wrong, it's just different!" Ein argentinischer Austauschschüler sagte zu mir einmal, Malaysia sei "der Spiegel". Der Spiegel? Ja, der Spiegel. Verglichen mit lateinamerikanischer Kultur, Malaysia ist der genaue Gegensatz: asiatische, muslimische Kultur.
Doch lässt man sich auf dieses Abenteuer ein und es gelingt einem dabei, sich von heimatkulturell bedingten Vorurteilen zu lösen, so erhält man Wunderbares: Eine neue Familie, neue Freunde, neue Sprache - eine zweite Heimat.
Ich habe mich in Malaysia verliebt. Die Menschen dort sind so anders, als man immer denkt! In Malaysia gibt es hauptsächlich drei verschiedene Kulturen: Inder, Chinesen und Malayen. 
Diese drei Rassen sind sehr unterschiedlich von ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrer Verhaltens- und Lebensweise sowie moralischen Werten hier, jedoch schaffen sie es, sehr friedlich im Miteinander zu leben. Natürlich klappt dies nicht immer 100%tig, doch als Austauschschüler bekommt man davon nur begrenzt mit.
Die Erlebnisse und Erfahrungen in deinem Auslandsjahr in Malaysia hängen sehr von der "Rasse" deiner Gastfamilie ab. Ich persönlich habe in einer malaiischen Familie gelebt, und ich habe mich wie ihre richtige Tochter gefühlt, ich wurde einfach aufgenommen. Anfangs hatte ich noch viele Ängste, da malaiisch in Malaysia muslimisch heißt, und habe auch noch viele Probleme gehabt, mich anzupassen, die Regeln zu lernen, zu verstehen und zu verinnerlichen und auch in die innere Kultur einzutauchen. Als ich es jedoch geschafft hatte, alle deutschen Vorurteile abzuwerfen und meine "europäischen" Augen zu neutralen zu verwandeln, habe ich mich wirklich gut zurechtgefunden und gegen Ende mich wie eine Malayin gefühlt . Meine Familie hat mir dabei sehr geholfen. Malaysier sind prinzipiell sehr offen, viel freundlicher und wärmer als Deutschland, ich habe von asiatischer Kälte nicht viel spüren können. Vor allem meine Gastfamilie war jedoch sehr tolerant und offen, meine Gastschwestern haben beispielsweise fast nie Kopftuch getragen , nur in der Moschee und in der Schule. Doch auch mit meiner Gastmutter, die zwar auch lockerer war, aber dennoch sehr gläubig und auch außerhalb des Hauses immer Kopftuch getragen hat, konnte ich über alles reden: Wider meinen Erwartungen, bin ich nie mit Fragen oder Andeutungen bezüglich Konvertieren konfontiert worden und ich hatte immer die Möglichkeit, frei alle Fragen zu stellen, die mir einfielen. Es hat ihnen Spaß gemacht, mir ihre Kultur, Religion und Sichtweisen zu erklären. Letzten Endes, hat meine Gastmutter auch immer gesagt, ist auch alles eine Sache zwischen dir und Gott: Wenn jemand wie ich z. B. einfach gar keine Religion haben will, so kann sie mich zwar beratschlagen , doch im Endeffekt ist es jedermanns eigene Sache.
Malaysia und Islam sind wirklich aufgeschlossener als es ihr Ruf nachsagt. Mein Bild von beidem hat sich komplett verändert. Und zwar zum Positiven . :)

Doch was ist so anders an Malaysia? 
Es fängt bei Äußerlichem an: Der Mix aus Indern, Malayen und Chinesen lässt alle anders aussehen als Europäer, sodass man als "Weiße" wie eine Berühmtheit behandelt wird. In der Schule wird Uniform getragen, jeden Montag die Nationalhymne gesungen und alle kommen auf dich zu und wollen dich kennenlernen. Je nachdem wo man hinkommt, kann es auch noch sehr traditionell und (aus deutscher Sicht) sehr einfach vom Lebensstandard her sein, auf der anderen Seite aber auch so riesig, fortgeschritten und modern. (z.B. Twin Towers , KL Centre). Es gibt Disziplinlehrer an der Schule, traditionelle Kleidung wird alltäglich getragen und Religion steht überall im Vordergrund (Hauptreligionen: Islam(Malayen) , Hinduismus (Inder),Buddhismus/Christentum (Chinesen) ).
Dann geht es weiter beim Klima: Die Hitze traf mich beim Aussteigen aus dem Flugzeug wie eine Wand, Ventilator ist überall und immer an und während man draußen schwitzt, friert man drinnen bei Klimaanlage. Doch man gewöhnt sich schnell daran. Aufgrund des Klimas gibt es jedoch auch mehr Insekten: Kakaerlaken auch im Haus, Ratten , sowie zwei- bis dreimal auch Maden im Müll, weil er zu lange nicht rausgebracht wurde, sind leider (bis auf das letzte) leider unvermeidlich. Doch auch wenn es jetzt schwer vorstellbar scheint: Auch daran gewöhnt man sich! Wirklich. :)
Dann Hygiene. Ja, in malaiischen Familien hat man oft statt Klopapier nur einen Wasserschlauch, das stimmt. Doch meine Gastfamilie beispielsweise hat mir welches besorgt.(auch wenn es dennoch in den großen shopping malls oft fehlte). Es gibt auch oft keine Sitz- , sondern nur Stehklos. Duschkabinen gibt es auch nicht. Aber wieder : Man gewöhnt sich an alles, ich konnte das anfangs auch nicht glauben!! Und in chinesischen familien ist meist alles auch wie in Dtld vorhanden. ;)
Sprache. Ich habe Malaysisch gelernt, doch es gibt auch Tamil, von den Indern, Chinesisch von den Chinesen und eigentlich besitzen fast alle wenigstens Grundkenntnisse in Englisch. Ich habe anfangs nur Englisch geredet, dann angefangen immer mehr Malaysisch zu verstehn und die letzten zwei Monate mehr Malaysisch als Englisch gesprochen. Meine Gastschwester hat mir sogar erzählt, ich hätte gegen Ende im Schlaf nur noch einen Mischmasch aus Englisch und Malaysisch gesprochen..

Alles in allem: Malaysia ist anders , ja. Doch es gibt so vieles zu erleben, entdecken und so viel Spaß , den man haben kann, in Malaysia, dass sich davon niemand abhalten oder abschrecken lassen soll, sondern im Gegenteil: Die Andersartigkeit sollte ein Grund mehr sein, dorthin zu gehen!

Und würde man mich bitten, Malaysia mit einem Wort zu beschreiben, käme mir nicht schwierig, regelüberbelastet, freheitslos, muslimisch, unhygienisch  oder intolerant in den Sinn:
Nein, all das sind nichts als Vorurteile.
Von wegen kaltes Asien: 
Für mich ist Malaysia einfach nur eines, in mehrdeutigem Sinne:  WARM!